Teil 10

Taschenuhr gegen Lebensmittel getauscht - Rote Armee rückt in Lobeda ein

Die Stadt Lobeda am Ende des 2. Weltkrieges    Teil 10

Das alte Pflaster vor dem Lobedaer Rathaus hat in der Geschichte viel Schlimmes gesehen 
(Foto: W. Meyer, Lobeda)

   Jena (OTZ) Das nächste Kapitel der Besetzung Thüringens, und so auch der Stadt Lobeda, wurde am 1. Juli 1945 geschrieben.

Von den Amerikanern wurde Thüringen gemäß den Beschlüssen der Alliierten auf der Konferenz von Jalta im Jahr 1943, im Austausch gegen Westberlin an die sowjetischen Streitkräfte abgetreten. So zog im Juli 1945 auch in der Stadt Lobeda die Rote Armee als Besatzungsmacht ein.

   Ihr Domizil hatte sie zunächst auf dem alten Turnplatz Jm Bürgergarten' aufgeschlagen. Während die Amerikaner mit modernster Militärtechnik einrückten, kam die Rote Armee wie zu „Dschingis-Khans" Zeiten, hoch zu Ross und mit Pferdegespannen an. Aktive deutsche Frontkämpfer wundern sich noch heute, wie die Sowjets mit dieser militärischen Ausrüstung die Überlegenheit über die Deutsche Wehrmacht erringen konnten. Die in der Nachbarschaft liegenden Wohnhäuser am Schützenweg, heute Spitzbergstraße, mussten für die Besatzer teilweise geräumt werden. So wohnte beispielsweise, im Drei- Familien- Wohnhaus Nr."2 der Familie Göbner, nur ein russischer Offizier mit seinem Adjutanten. Die Bewohner des Hauses mussten ausziehen und kamen auf engstem Raum bei Verwandten oder Bekannten unter. Lediglich der Hausbesitzer bekam das Recht, im Keller des Hauses, sein Bett aufzuschlagen und im Haus zu schlafen. Beim Verlassen des Hauses hatte die Tochter des Hausbesitzers, die ebenfalls mit ihrer Familie hier wohnte, eine wertvolle goldene Taschenuhr ihres Mannes, die im Schlafzimmer lag, vergessen mitzunehmen. Am nächsten Tag jedoch war diese Uhr verschwunden, vermutlich hatte sie der Adjutant „an sich genommen". Der Hausbesitzer hat diesen Vorfall dem Offizier berichtet. Erstaunlicherweise brachte dieser die Uhr nach einigen Tagen erst einmal wieder zurück. Nun zeigte er jedoch selbst großes Interesse an diesem schönen Stück. Er setzte die Tochter des Hausbesitzers derart unter Druck, dass diese ihm die Uhr schließlich im Tausch gegen Lebensmittel, so zu sagen „für einen Apfel und ein Ei" überließ. Ihrem, aus der amerikanischen Gefangenschaft heimkehrenden Mann diese Sache plausibel zu erklären, gelang nur mit Unterstützung ihres Vaters als Augenzeuge. So ist das eben im Leben, gegenüber den Amerikanern das Eigentum bewahrt, die Uhr wurde bei der Sammelaktion auf dem Schulhof nicht mit abgegeben, aber gegenüber den Sowjets verloren. Gestaunt haben die Bewohner des Hauses bei ihrer Rückkehr in ihr Wohnhaus allerdings nicht schlecht. In der großen Diele, im Parterre, lag ein 6 x 4 - Meter großer, wertvoller Teppich, den die Sowjets als Beutegut mitgebracht, aber bei ihrer Abreise vermutlich vergessen hatten.    

   Während des „Dritten Reiches" war es deutschen Unternehmern nicht möglich, sich aus dem damaligen politischen Geschehen herauszuhalten. Besonders von dem selbständigen Mittelstand wurde ein Bekenntnis zur Partei und zum Staat gefordert und erwartet. Ohne Parteizugehörigkeit hätten sie ihre Selbständigkeit riskiert, zu mindest wären sie ständigen Repressalien ausgesetzt gewesen. Dies ist ja auch aus der jüngsten DDR- Geschichte bekannt. Diktaturen zwingen nun einmal Menschen zu Dingen, die sie eigentlich gar nicht wollen, ob im Denken oder im Handeln, aber letztendlich tun müssen. Um Schaden von sich und der Familie abzuwenden, wurde es eben getan und mitgemacht.

Die eigene Überzeugung war aber eine ganz andere. Ein Lobedaer Bauunternehmer und seine Ehefrau, die mit einer Partei, wie der NSDAP wahrlich nichts am Hut hatten, wurden gemeinsam, lediglich zum Wohle des Baugeschäftes,

Parteimitglieder. Automatisch war die Ehefrau damit auch Mitglied in der nationalsozialistischen Frauenschaft.

Für ihre Erziehungsleistung, sie hat fünf eigene Kinder und drei Pflegekinder großgezogen, wurde ihr das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter, Dritte Stufe, verliehen. Diese Auszeichnung erhielten alle deutschen Mütter ab einer gewissen Kinderzahl, egal ob mit oder ohne Parteibuch.    

   Diese Partei- und Frauenmitgliedschaft und die erhaltene Auszeichnung wurden ihr nach dem Krieg im Jahr 1945 fast zum Verhängnis. Lobedaer Altkommunisten sahen ihre Stunde gekommen, mit den Nazis, zu denen die Ehefrau des Bauunternehmers nun gewiss nicht gehörte, abzurechnen. Sie wurde von diesen Altkommunisten denunziert und musste zu einem Verhör vor einem sowjetischen Offizier im Lobedaer Gemeindeamt erscheinen.

   Als sie diesem ihre „Verbrechen am deutschen Volk", acht Kinder großgezogen, was mit dem Mutterkreuz geehrt wurde und NSDAP- Mitglied zum Wohle des Baugeschäftes, vorgetragen hatte, sagte dieser zu den Lobedaer Altkommunisten: „Was soll Mutter hier, Mutter ist alt (sie war schon über 60 Jahre), Mutter geht wieder nach Hause." Beschämt mussten sie die alte Frau, die sichtlich erleichtert war, wieder gehen lassen.

   Es gab eben unter den sowjetischen Militärs realistischer denkende Menschen, als unter den deutschen Altkommunisten. Diese waren nur auf Rache bedacht, ohne Ansehen der Person. Es war auch nicht so, dass es bei Begegnungen mit der Besatzungsmacht immer friedlich zuging. Kurz nach dem Krieg fanden wieder die beliebten Tanzveranstaltungen im Kurhaus, heute Kulturhaus „Zum Bären" Lobeda statt. Auseinandersetzungen mit sowjetischen Militärangehörigen, die hier auch als Gäste verkehrten, bis hin zu Schießereien, sind aus dieser Zeit noch gut bekannt. Ein Lobedaer Ehepaar war einmal in eine solche Auseinandersetzung mit sowjetischen Offizieren geraten. Als einer der Offiziere die Frau des Ehepaares auf dem Nachhauseweg von der Straßenbahnhaltestelle in der Jenafischen Straße attackierte, stellte sich ihr Mann lediglich schützend vor sie. Er ist nur deshalb bei dieser Attacke mit heiler Haut davon gekommen, weil die sowjetischen Offiziere auf dem Weg vom „Bären" bis zur Straßenbahnhaltestelle, ihre Magazine bereits leer geschossen hatten. Übermäßiger Alkoholgenuss und Frauen spielten dabei meistens eine Rolle. Aus dem Krieg und der Gefangenschaft heil nach Hause gekommen, hätte hier ein wertvolles Menschenleben ausgelöscht werden können.

Der Krieg war zwar zu Ende, aber geschossen wurde weiter.
 

OTZ Jena 6. Juni 2009
 

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